Studie: So verändert sich das Werkstattgeschäft bis 2030

19. Jun 2021 | Branche + Mehr

Wenn es um die Zukunft des Automotive Aftermarkets und des Werkstattgeschäfts geht, werden meistens die Schlagworte Elektromobilität und Digitalisierung genannt. Die beiden Trends stellen Kfz-Betriebe tatsächlich schon heute vor große Herausforderungen. Und bis 2030 verstärken sich weitere, neue kommen hinzu. Eine aktuelle Studie hat sich auf die Suche nach der Zukunft gemacht.

Dazu befragte die Unternehmensberatung „Boston Consulting Group“ in Zusammenarbeit mit der European Association of Automotive Suppliers (CLEPA) und Wolk Aftersales Experts, ein Beratungsunternehmen für den Automotive Aftermarket, 600 Werkstätten in ganz Europa. Zudem führten die Studienmacher 30 ausführliche Interviews mit Managern der Aftermarket-Branche. Herausgekommen ist eine sehr umfassende Studie, in der die wichtigsten Marktveränderungen skizziert werden.

Die gute Nachricht: Der Markt wird weiterwachsen. Laut Antti Wolk, Geschäftsführer von Wolk Aftersales Experts ist allerdings auch klar, dass das laufende Jahrzehnt noch mehr Veränderungen auf dem Automobilmarkt bringen wird.“ Elektrifizierung und Digitalisierung seien weiterhin zwei dieser Treiber, die den Wandel beschleunigen. Ein Trend, der weiter anhalten wird: „Der Aftermarket wird immer vielfältiger und komplexer.“

Der Fahrzeugbestand wird älter

In Westeuropa ist der Anteil der Fahrzeuge, die älter als acht Jahre sind von 50 % im Jahr 2011 auf 65 % im Jahr 2019 angestiegen. Die Branche geht davon aus, dass sich der Trend fortsetzt: Bis 2030 könnte der Anteil der Pkw über acht Jahre sogar 75 % erreichen. Für die freien Werkstätten und die Teilebranche ist das natürlich positiv, weil ältere Fahrzeuge eher Wartung und Ersatzteile benötigen. Und: Je älter die Pkw, desto geringer die Tendenz ihrer Besitzer, das Auto für Wartungsarbeiten zum Vertragshändler zu bringen.

Weiterhin steigende Komplexität bei Ersatzteilen

Eine steigende Komplexität wird laut der Studie auch weiterhin bei Ersatzteilen zu beobachten sein. Zudem werden immer mehr Fahrzeuge mit neuer Technologie wie Sensoren ausgestattet werden und Systeme und Teile zunehmend vernetzt werden. Dadurch werden nicht nur die Preise für Teile steigen. Die zunehmende Komplexität erfordert laut den Machern der Studie „zusätzliche Schnittstellen und erhöht die Komplexität von Reparaturleistungen, was die Arbeitskosten in den Werkstätten in die Höhe treibt.“

Fahrerassistenzsysteme

Gleichzeitig werden moderne Sicherheitstechnologien und Fahrerassistenzsysteme weiter für einen Rückgang der Unfallzahlen sorgen. Die Studie rechnet mit 15 Prozent weniger Unfällen bis 2030. Dies hat natürlich insbesondere einen unmittelbaren Einfluss für Karosseriebauer und Lackierbetriebe.

Elektromobilität

Ende des Jahrzehnts werden, so die Annahme der Studie, etwa 20% des europäischen Fahrzeugbestandes elektrifiziert sein. Rund sechs Prozent des Bestands werden batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) sein. „Batterieelektrische Fahrzeuge generieren etwa 20 % weniger Kosten für Ersatzteile als vergleichbare Fahrzeuge mit fossilen Brennstoffen. (…) Die größte Reduzierung – 50 % – ergibt sich bei den Wartungskosten aufgrund der geringeren Anzahl von Motorkomponenten in einem BEV.“ Während hier Ersatzteile wie Zündkerzen oder Einspritzdüsen überflüssig werden, haben andere Komponenten wie etwa Bremsbeläge dank regenerativer Bremssysteme eine längere Lebensdauer.

Fahrzeugdaten

Auch kein Geheimnis: Moderne Pkw werden zunehmend vernetzt. Laut Studie werden bis 2030 etwa 50 % des Fahrzeugbestandes entweder über grundlegende oder erweiterte Konnektivitätssysteme verfügen, die direktes Daten-Streaming, Verarbeitung und Kommunikation mit externen Parteien umfassen. Das bringt die Automobilhersteller zunehmend in eine ideale Position. Sie haben direkten Zugang zu den Daten des Fahrzeugs und können deshalb Ferndiagnosen stellen und einen Austauschbedarf vor dem Ausfall signalisieren sowie einen Termin bei einer Vertragswerkstatt vorschlagen. Das verschafft OEM einen klaren Vorteil gegenüber dem Independent Aftermarket, der deshalb seit Jahren einen gleichberechtigten Zugang zu Fahrzeugdaten fordert.

OEM forcieren stärkere Durchdringung des Ersatzteilmarktes

Damit einhergehend werden Automobilhersteller laut Studie eine tiefere Durchdringung des Ersatzteilmarktes forcieren, die zusätzlichen Umsatz und Gewinn für die OEM bedeutet: „Sie sehen Raum für Wachstum durch die Gewinnung von mehr Geschäft aus dem großen Pool der Besitzer älterer Autos.“

Weitere Trends

  • Die Laufleistungen der Pkw werden durch Home-Office und E-Commerce reduziert. Die Menschen fahren weniger Kilometer, was den Ersatzteilbedarf reduziert.
  • Flotten und Versicherer werden einen größeren Anteil des Fahrzeugbestandes kontrollieren und Reparaturaufträge weiter an Betriebe vergeben, die niedrigeren Preisen zugestimmt haben.